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Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier

Meine Zeit an der Uni

Foto: Frank-Walter Steinmeier als Student

Ein Ort wie Brakelsiek mit seinen knapp 1000 Einwohnern wird einem Heranwachsenden bald eng. Ich erinnere mich an das Gefühl von Stillstand. Zweimal am Tag ging ein Bus, und dort, wo der hinfuhr, war auch nicht viel mehr los. Ich wollte weg, musste nach dem Abitur jedoch zunächst zur Bundeswehr. Meine Freunde und die Freundin fehlten mir, aber über Wehrdienstverweigerung habe ich gar nicht nachgedacht, das war Anfang der 70er Jahre bei uns auf dem Lande noch nicht angekommen. Außerdem war ich nie ein Pazifist: Ich las immer viel, fraß Zeitungen geradezu, und ich ahnte, dass Frieden nicht ohne die Fähigkeit, sich zu verteidigen, erhalten werden konnte.

Während der Bundeswehrzeit musste ich mich für ein Studienfach entscheiden. Publizistik stand zur Debatte - ich wollte ja Journalist werden. Auch mit der Architektur habe ich geliebäugelt, mich dann aber am Ende für ein Fach entschieden, mit dem ich mich für die Zukunft am besten gerüstet fühlte: Jura bzw. Rechtswissenschaften, 1980 kamen noch die Politikwissenschaften dazu. Über den Studienort entschied das Schicksal, das damals den Namen ZVS trug - Zentrale Vermittlungsstelle für Studienplätze. So kam ich nach Gießen. Um mein BAföG und später mein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung aufzubessern, jobbte ich während der Semesterferien in einem Fahrzeugbetrieb, danach auch in einer großen Möbelfabrik, habe dort Tausende von Nussbaumschränken mit dem Barfach ausgestattet, das damals der letzte Schrei war.

Begegnungen und Freiräume

Foto: Frank-Walter Steinmeier als Student

Nach dem Studium absolvierte ich mein Referendariat in Frankfurt, ging aber für Assistenzzeit und Promotion zurück an die Justus-Liebig-Universität in Gießen, der ich als Student, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistent und Doktorand bis 1991 verbunden blieb. Es war eine Zeit der persönlichen und politischen Freiräume. Viele meiner Überzeugungen bildeten sich während meines Studiums; intensives Lesen und Diskutieren schärfte meinen Blick auf Politik und Gesellschaft. Ohne die Möglichkeiten und die Begegnungen in Gießen wäre ich nicht der, der ich heute bin.

1991 wurde ich zum Dr. jur. promoviert. Meine Doktorarbeit trug den Titel: "Bürger ohne Obdach". Ich hatte vorher in der Rechtsberatung der Obdachlosenhilfe gearbeitet. Das ließ mir keine Ruhe. Wohnungslosigkeit wurde viel zu oft nur als polizeirechtliches Problem gesehen. Ich meinte, es muss vor allem als soziale Frage aufgegriffen werden.

Leben in der Wohngemeinschaft

Über 20 Jahre meines Lebens habe ich in Wohngemeinschaften verbracht. Am Anfang legten das vor allem Geldknappheit und der akute Wohnungsmangel nahe. Auch schien mir ein zwölf Quadratmeter kleines Zimmer im Studentenwohnheim wenig attraktiv. Also wohnte ich 14 Jahre lang in einer ehemaligen Zigarrenfabrik im Gießener Ortsteil Wieseck, Hinterhof, linke Haushälfte. Das war ein offenes Haus, sehr politisch: mit Lesegruppen und endlosen Diskussionsabenden.

Für einen wie mich, der vom Land kam, links orientiert und voller Neugier, war es genau richtig. Wir stellten allerdings schon die zweite WG-Generation und sahen vieles nüchterner. Auf die Idee von der WG als Keimzelle einer "revolutionären Ordnung" jenseits der Familie reagierten wir angesichts der Abwaschberge nur noch mit ironischem Schulterzucken.

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