Meine Zeit an der Uni
Ein Ort wie
Brakelsiek mit seinen knapp 1000 Einwohnern wird einem Heranwachsenden bald
eng. Ich erinnere mich an das Gefühl von Stillstand. Zweimal am Tag ging ein
Bus, und dort, wo der hinfuhr, war auch nicht viel mehr los. Ich wollte weg,
musste nach dem Abitur jedoch zunächst zur Bundeswehr. Meine Freunde und die
Freundin fehlten mir, aber über Wehrdienstverweigerung habe ich gar nicht
nachgedacht, das war Anfang der 70er Jahre bei uns auf dem Lande noch nicht
angekommen. Außerdem war ich nie ein Pazifist: Ich las immer viel, fraß
Zeitungen geradezu, und ich ahnte, dass Frieden nicht ohne die Fähigkeit, sich
zu verteidigen, erhalten werden konnte.
Während der
Bundeswehrzeit musste ich mich für ein Studienfach entscheiden. Publizistik
stand zur Debatte - ich wollte ja Journalist werden. Auch mit der Architektur
habe ich geliebäugelt, mich dann aber am Ende für ein Fach entschieden, mit dem
ich mich für die Zukunft am besten gerüstet fühlte: Jura bzw.
Rechtswissenschaften, 1980 kamen noch die Politikwissenschaften dazu. Über den
Studienort entschied das Schicksal, das damals den Namen ZVS trug - Zentrale
Vermittlungsstelle für Studienplätze. So kam ich nach Gießen. Um mein BAföG und
später mein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung aufzubessern, jobbte ich
während der Semesterferien in einem Fahrzeugbetrieb, danach auch in einer
großen Möbelfabrik, habe dort Tausende von Nussbaumschränken mit dem Barfach
ausgestattet, das damals der letzte Schrei war.
Begegnungen und Freiräume
Nach dem
Studium absolvierte ich mein Referendariat in Frankfurt, ging aber für
Assistenzzeit und Promotion zurück an die Justus-Liebig-Universität in Gießen,
der ich als Student, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistent und Doktorand
bis 1991 verbunden blieb. Es war eine Zeit der persönlichen und politischen
Freiräume. Viele meiner Überzeugungen bildeten sich während meines Studiums;
intensives Lesen und Diskutieren schärfte meinen Blick auf Politik und
Gesellschaft. Ohne die Möglichkeiten und die Begegnungen in Gießen wäre ich
nicht der, der ich heute bin.
1991 wurde
ich zum Dr. jur. promoviert. Meine Doktorarbeit trug den Titel: "Bürger
ohne Obdach". Ich hatte vorher in der Rechtsberatung der Obdachlosenhilfe
gearbeitet. Das ließ mir keine Ruhe. Wohnungslosigkeit wurde viel zu oft nur
als polizeirechtliches Problem gesehen. Ich meinte, es muss vor allem als
soziale Frage aufgegriffen werden.
Leben in
der Wohngemeinschaft
Über 20
Jahre meines Lebens habe ich in Wohngemeinschaften verbracht. Am Anfang legten
das vor allem Geldknappheit und der akute Wohnungsmangel nahe. Auch schien mir
ein zwölf Quadratmeter kleines Zimmer im Studentenwohnheim wenig attraktiv.
Also wohnte ich 14 Jahre lang in einer ehemaligen Zigarrenfabrik im Gießener
Ortsteil Wieseck, Hinterhof, linke Haushälfte. Das war ein offenes Haus, sehr
politisch: mit Lesegruppen und endlosen Diskussionsabenden.
Für einen
wie mich, der vom Land kam, links orientiert und voller Neugier, war es genau
richtig. Wir stellten allerdings schon die zweite WG-Generation und sahen vieles
nüchterner. Auf die Idee von der WG als Keimzelle einer "revolutionären
Ordnung" jenseits der Familie reagierten wir angesichts der Abwaschberge
nur noch mit ironischem Schulterzucken.