Zeichen der Spaltung Europas
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Der
vorerst letzte einer Serie von Euro-Krisen-Gipfeln in 2011 vergangene Woche? Er
war ein Fiasko. Wir haben es Kanzlerin Merkel vorher gesagt: Simulierte Politik
hilft nicht weiter. Ersatzhandlungen statt Problemlösungen verschlimmern die
Lage. Die Finanzanalysten haben das Märchen von der Krisenbewältigung gnadenlos
durchschaut: Keine Einigkeit, sondern Zeichen der Spaltung Europas, kein Signal
der gemeinsamen Haftung, keine Klarheit über die Rolle der EZB, wortreiche
Nebel über Vertragsänderungen und Sanktionen, aber keine Aussicht auf eine
Lösung der akuten Schuldenfrage. Der Vertrauensverlust grassiert weiter, die
Anleger fliehen den Euroraum, die Rezessionsgefahr in Europa nimmt täglich
weiter zu.
Merkel wird an diesem Mittwoch eine weitere Regierungserklärung zur Lage
Europas abgeben. Man kann sie nur davor warnen, die Gipfelergebnisse zu
beschönigen, in der Hoffnung auf eine ruhige Weihnachtspause. Das kann ein
böses Erwachen im neuen Jahr geben. Allein Italien muss in den nächsten Monaten
180 Milliarden Euro refinanzieren, ohne das Vertrauen der Anleger zu haben.
Nicht nur Griechenland, auch Portugal und Irland haben große Probleme, ihre
Konsolidierungsziele zu erreichen. Über das Ziel der Stabilität in Europa
besteht zwischen uns und der Bundesregierung kein Streit. Ob aber ihr Handeln
der Stabilität dient oder vielmehr die Stabilität gefährdet, das muss im Kern
der öffentlichen Auseinandersetzung stehen. Denn nichts ist 2011 stabiler
geworden in Europa. Die Krise hat sich im Gegenteil dramatisch beschleunigt,
und ein Ende ist nicht abzusehen.
Eine Vertragsänderung mit schärferen Sanktionen gegen zukünftige Verschuldung
ist notwendig, liefert aber keinen ausreichenden Beitrag, um die akuten
Probleme zu lösen. Das hat der Gipfel vorgeführt. Hinzu kommt nun der hohe
politische Preis, dass Großbritannien ausschert. Die Gefahr ist eine
Zersplitterung Europas, ohne dass im Kern der Krise Besserung erreicht worden
wäre.
Schwarz-Gelb im Lügenlabyrinth
Die große Täuschung, mit der Merkel die Öffentlichkeit an der Nase herumführen
will, betrifft die Rolle der Europäischen Zentralbank, die dort handelt, wo die
Regierungen Handeln verweigern. Hier hat der Gipfel das absurde Theater
fortgesetzt. Während Deutschland behauptet, die Unabhängigkeit und Zurückhaltung
der Zentralbank bleibe unangetastet, geht Frankreich davon aus, die EZB
übernehme nun die zentrale Rolle als Bürge letzter Instanz. Alle
Rettungsmechanismen, die EFSF und der künftige ESM, sollen an die EZB gebunden
werden. Wie genau, weiß keiner.
Merkel will das um jeden Preis verbergen. Nun sollen die Zentralbanken den
Umweg über den Internationalen Währungsfonds nehmen und dem IWF 200 Milliarden
Euro geben, damit er auf den Anleihemärkten eingreifen kann. Die Deutsche
Bundesbank hat darauf mit einem beispiellosen Hilferuf an den Bundestag
reagiert. Aus dem Vorstand der Bundesbank wurde das Parlament aufgefordert,
diesen Deal aus dem Schatten der Heimlichtuerei herauszuholen und mit einer
klaren politischen Entscheidung abzusichern. Wir schließen uns dieser Forderung
an. Längst geht es bei der Krisenbewältigung nur noch darum, was die Koalition
in Deutschland aushält und was sie nicht aushält. Schwarz-Gelb bewegt sich in
einem Lügenlabyrinth.
Weil die Koalition vor der Zerreißprobe steht, wenn es um die europäische
Haftungsgemeinschaft geht, schickt sie die Zentralbank vor, um eine
Vergemeinschaftung von Schulden durch die Hintertür zu betreiben – ohne
politische Kontrolle und demokratische Legitimation. Das ist die Wahrheit
hinter Merkels simulierter Politik.
Kein Wort hat der Gipfel verloren über das wirtschaftliche Kernproblem einer
Abwärtsspirale von Schulden, Rezession und neuen Schulden. Kein Ökonom in
Europa glaubt aber, dass ohne Investitionsimpulse eine Umkehrung der Lage zu
erreichen ist und die Haushalte zu konsolidieren sind.
Tatsache ist auch, dass ohne eine Lösung der Altschuldenprobleme keine
tragfähige Entwicklung zu erreichen ist. Länder wie Italien und Spanien müssen
so hohe Zinsen auf die Refinanzierung der Altschulden zahlen, dass es ihnen die
Luft nimmt. Muss Italien für seine bis April 2012 zu refinanzierenden alten
Anleihen statt 4 Prozent künftig 7 Prozent zahlen, belastet das den
italienischen Haushalt zusätzlich mit 5,4 Milliarden Euro, und das bei
sinkender Wirtschaftsleistung – so schnell kann niemand die Renten kürzen, um
da mitzuhalten. Das ist ein sozialer Sprengsatz! Deshalb ist ein gemeinsamer
europäischer Schuldentilgungsfonds ein kluger Vorschlag. Er kann die Zinsen
senken, aber die langfristige nationale Tilgungsverpflichtung aufrecht
erhalten. Das wäre ein Signal des europäischen Zusammenhalts und würde die
Sicherheit von Staatsanleihen des Euroraums untermauern.
Klimagipfel blamabel gescheitert
Der Weltklimagipfel in Durban? Nach tagelangen taktischen Grabenkämpfen wird
verkündet, man habe die Weichen gestellt für ein neues globales Klimaabkommen.
Tatsache ist aber, der Gipfel ist blamabel gescheitert. Statt Verpflichtungen
zur C02-Minderung einzugehen, werden Absichten verkündet, neue Gipfel in
Aussicht gestellt, Lösungen behauptet, aber nicht geliefert. Die Ergebnisse
sollen 2020 greifen – was für eine Augenwischerei!
Signal des Aufbruchs beim SPD-Parteitag
Auf unserem Bundesparteitag haben wir ein starkes Signal der Geschlossenheit
und des Aufbruchs zu neuer Regierungsverantwortung 2013 gegeben. Bei Steuern
und Finanzen wie bei der Arbeits- und Sozialpolitik legen wir ehrliche Konzepte
vor, die niemandem das Blaue vom Himmel versprechen, sondern solide gerechnet
und umsetzbar sind. Wir zeigen einen Weg, wie Deutschland die großen
Zukunftsaufgaben der Bildung, der Chancengleichheit, des Klimaschutzes, der
Energiewende, der kommunalen Dienstleistungen und des Schuldenabbaus anpacken
kann.
Deutschlands Zukunft liegt in Europa - auch diese Botschaft geht von der Sozialdemokratie
aus. In einer Zeit großer Unsicherheiten und Umbrüche stehen wir wie keine
andere deutsche Partei für die europäische Einigung. Wir wollen ein erneuertes
Bündnis, einen neuen starken Bund für Europa, in dem gilt: alle für einen,
einer für alle. Nicht das Schielen auf nationalen Populismus, sondern
gemeinsame Verantwortung für den Euro und die Weichenstellung in Richtung
Realwirtschaft mit Impulsen für neues, nachhaltiges Wachstum führen Europa aus
der Krise.
In den vergangenen Tagen haben wir das ganze Elend von Gipfeln erlebt, auf
denen die Teilnehmer nur zur Gesichtswahrung und nur für den schönen Schein
Beschlüsse verkünden, die keine Substanz haben. Die Rhetorik des Erfolgs, wo in
der Sache kein Fortschritt ist, geht den Menschen auf den Wecker. Sie zerstört
das Vertrauen in die Fähigkeit gewählter Regierungen, Probleme zu lösen. Sie
untergräbt die Grundlagen der Demokratie.

